Remis und die Sorge vorm Verlieren
Vor Kurzem habe ich mein erstes Langzeitturnier seit langem wieder gespielt. Dabei sind mir ein paar Aspekte aufgefallen, die ich in diesem Artikel besprechen wollte. Es geht dabei um frühzeitige Remis. Ein Remis kann durch unterschiedliche Situationen entstehen. Vielleicht wurde jemand Patt gesetzt, es gibt nicht mehr genügend Figuren zum Matt setzen auf dem Brett, es wird Remis vereinbart oder es gab eine Zugwiederholung oder es wurde für 50 Züge kein Bauernzug ausgeführt. Hier möchte ich das frühzeitig vereinbarte Remis besprechen.Neben den Situationen, in denen eine spezielle Stellung auf dem Brett entsteht, gibt es auch die Möglichkeit, während der Partie irgendwann ein Remis zu bieten. Hier ist es sehr variabel, in welchen Situationen dies getan wird. In einer ausgeglichenen Stellung habe ich beispielsweise einem meiner Gegner ein Remis geboten, als noch alles offen war. Es gab noch genügend Figuren auf dem Brett, dass ruhig weitergespielt werden konnte und getestet werden konnte, was noch so passieren könnte. Dieses Remisangebot wurde nicht angenommen.
In einer ähnlichen Situation wurde mir in einer anderen Partie ein Remis angeboten. Erst die Computeranalyse hat mir gezeigt, dass ich wohl etwas besser stand, die Stellung war aber schwierig und das Brett vollgestellt. Es wurde gegen mich auch eine Eröffnung gespielt, die von Computerprogrammen recht negativ bewertet werden, obwohl die Eröffnung in der Realität spielbar ist. Das Remisangebot wurde von mir angenommen.
In einer dritten Partie kam es bis ins Endspiel. Ich hatte frühzeitig eine Figur weniger, dafür aber verbundene Freibauern, die schon relativ weit auf dem Brett gekommen waren. Es waren auch noch Türme und ein paar mehr Bauern auf dem Brett. In dieser Stellung habe ich Remis angeboten. Mir war nicht ganz klar, wie ich die Bauern durchbringen konnte und wollte die Partie aber auch nicht aufgeben, nachdem ich so gut nach dem Verlust der Figur weitergekämpft hatte. Ich habe aber auch nicht gesehen, wie die Gegenseite die Partie nachhause hätte bringen können. Das Remisangebot wurde angenommen. Die Computeranalyse zeigte später, dass die Figur weniger auch in dieser Stellung wirklich nicht gut für mich aussah. Ich hatte mich also in ein Remis gerettet.
Die dritte Partie weicht etwas vom Narrativ der ersten beiden ab. Dort stand noch alles offen, während bei der dritten Partie schon einiges passiert war, aber letztendlich war auch dort noch offen, wie das Endspiel ausgehen würde. Aufmerksame Leser*innen werden jetzt vielleicht auf die Spielstärke der Gegner*innen verweisen wollen. Diese habe ich absichtlich nicht dazu gesagt. Da ein Remis die Wertungszahl positiv oder negativ beeinflussen kann, genauso wie die Punktzahl im Turnier, ist die Spielstärke natürlich auch ein interessanter Faktor bei der Frage, ob ein Remis angenommen oder überhaupt geboten wird oder eine Stellung doch lieber ausgespielt wird.
Gegen Gegner*innen mit höheren Wertungszahlen habe ich schon öfter ein Remis in ausgeglichenen Stellungen oder wenn ich etwas besser stand, angeboten, um die Punkte zu sichern. Gegen Gegner*innen mit geringeren Wertungszahlen tritt ein ähnliches Phänomen auf. Da ist vielleicht schon was schiefgegangen oder es läuft auf irgendeine Art und Weise nicht nach Plan und die Partie soll gesichert werden, bevor es komplett bergab läuft.
Gerade im Fall von stärkeren Gegner*innen wollte ich verhindern, dass spätere Fehler von meiner Seite die Partie noch einstellen könnten. An diesem Punkt möchte ich aber ansetzen. Genau diese Vermeidung von späteren Stellungen sorgt auch dafür, dass diese Stellungen seltener aufs Brett kommen und ich damit weniger Übung in diesen Stellungen habe und von Zügen meiner Gegner*innen für mein Spiel lernen könnte. Kurzfristig mag ein Remis gegen stärkere Gegner*innen eine höhere Wertungszahl bringen, aber langfristig kann sich ein Lerneffekt nur durch mehr Übung einstellen. Und in welchem Szenario lernt man wohl am besten, als in Partien, wo man sich pro Zug so viel Zeit zum Nachdenken nehmen kann als so manche Blitzpartie als Ganzes dauert? Die Taktik kann also nicht sein, sich mit Remis (oder Remisangeboten) durch die Partien zu schlängeln, sondern die Aspekte, wegen denen ich überhaupt Remis anbiete oder annehme, anzugehen. Eigene langfristigere Ideen für verschiedene Mittelspiel-Stellungen können dabei helfen, nicht in die Ideenlosigkeit abzudriften. Für eine Eröffnung reicht es aus meiner Sicht nicht, nur die Idealstellungen und Pläne zu kennen, sondern eben auch sich zu überlegen, wie das Mittelspiel bei verschiedenen Arten des Gegenspiels aussehen kann und was für neue Ideen daraus entstehen können (ja, ich höre das Augenrollen derjenigen, die eine wesentlich höhere Spielstärke als ich haben!). Wichtig ist aber auch die Arbeit an der Sorge, die Partie später selbstständig durch einen eigenen Fehler einzustellen. Die Kinder, die mich in meinen ersten Schachschritten mit verschiedenen Abwandlungen von Schäfermatt angegriffen haben, hatten diese Sorgen nicht. Sie waren komplett von ihren Zügen überzeugt! Und für mich war es damals schwer, dagegen zu reagieren und heil aus der Stellung rauszukommen. Während ich von den Zügen zum Schäfermatt abraten würde, möchte ich auf dieses Selbstvertrauen aufmerksam machen, mit dem diese Züge gespielt wurden.
Ich könnte auch sagen... einmal das Selbstbewusstsein von Gegner*innen nehmen, die eine höhere Wertungszahl haben, nicht besser stehen und trotzdem das Remis ablehnen.
Es werden jetzt auch Leute darauf aufmerksam machen wollen, dass man nicht auf die Wertungszahl achten sollte und sich davon nicht beeinflussen lassen sollte usw. Damit der Kommentar nicht kommt, greife ich dem hier mal vorweg. Ja, ist so. Auch Gegner*innen mit höherer Wertungszahl können Fehler machen. Diese Erkenntnis wird nochmal unterstrichen, wenn man sich Partien von Großmeistern ansieht, die gegeneinander spielen und dort auch mal Ideen ausgespielt werden, die im Verlust enden oder Figuren eingestellt werden. Interessant können beispielsweise Angriffe werden, die gestartet werden, "weil man doch eine höhere Wertungszahl hat und denn ja auch gewinnen muss", die aber in der Realität gar nicht als Angriff funktionieren und mit positionellem und/oder materiellem Gewinn auspariert werden können.
Wenn es um Preisgelder geht, Mannschaftspunkte und/oder Brettpunkte für die Liga wichtig sind, eine bestimmte Wertungszahl für die Aufstellung in der Mannschaft oder die Teilnahme bei einem Turnier relevant ist, sind taktische Remisangebote im Mittelspiel (oder im Endspiel) natürlich nochmal ein anderes Thema. Hier geht es aber um kurzfristige Gründe, die eher punktuell eingesetzt werden sollten. Es gibt übrigens auch Turniere, in denen in den Regeln steht, dass erst nach dem dreißigsten Zug ein Remis angeboten werden darf, was verhindern soll, dass abgesprochene Remis oder voreilige Remis, ohne dass die Stellungen wirklich ausgespielt werden, passieren.
Den Artikel möchte ich damit beenden, dass ich von Spieler*innen erzähle, die Partien auswendig gelernt und gegeneinander gespielt haben, die in Remisstellungen endeten. So wollten die Spieler*innen den Vorwurf des Remis vor dem Ausspielen der Stellung umgehen. Oder sie wollten einfach eine schöne Stellung aufs Brett vor dem abgesprochenen Remis zaubern. Sucht euch was aus. (Achtung, das Absprechen eines Remis vor einer Partie ist in den meisten Wettkampfsituationen regelwidrig!)
P.S.: Stellt euch mal vor, im Fußball wäre die Möglichkeit von Remisangeboten angelegt.