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zwei Bauern von Schwarz stehen zwei Bauern von Weiß direkt gegenüber

Screenshot von Lichess

Schachpartien im Kontext: Was macht Nachbesprechungen von Partien so stark?

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Aktuell laufen die Deutschen Meisterschaften im Schach in München. Die wenigsten von uns können in München live dabei sein, dafür werden aber die meisten Partien der Meisterschaften, die dort gerade ausgespielt werden mit etwas Verzögerung live über das Internet übertragen, beispielsweise auch hier über Lichess. Das können wir uns zu Nutze machen und sehen uns zwei Stellungen aus Partien von GM Rasmus Svane an.

Was ist der Hintergrund von diesem Zug?
Nehmen wir mal folgende Stellung aus der 4. Runde aus der offenen Meisterklasse (GM Rasmus Svane gegen seinen Bruder GM Frederik Svane):

https://lichess.org/study/embed/YS4rG1Yo/1zvZB5EZ#35

Nun können wir uns fein von zuhause aus die Computeranalyse für die Stellung ansehen und finden heraus, dass der Zug Ld3 nicht unbedingt der beste Zug war. Der Zug baut eine Batterie mit Dame und Läufer auf und droht erstmal Dxh7, woraufhin die Königssicherheit nicht mehr unbedingt als gut beschrieben werden kann und mehr Material verloren geht. Gleichzeitig kann Schwarz nun aber Sf6 spielen und damit das Feld h7 verteidigen und gleichzeitig die Dame angreifen, die dann wieder aus der Batterie mit dem Läufer raustreten muss. Rasmus hat sich daraufhin für De3 entschieden. Da4 wäre auch ein möglicher Zug, da man so weiter nach h7 schaut. Da dieses Feld nun aber von dem Springer gedeckt ist, ist die Frage, ob die Dame da am Rand so wirklich gut stehen würde. Der Computer (aka. Stockfish 16 in Lichess) schlägt vor, dass Rasmus in der Ausgangsstellung Se5 hätte spielen sollen. Nun gut, ein Klugscheißer mit einem Analyseprogramm macht noch lange keinen Großmeister.

Für diese Partie haben wir das Glück, dass Rasmus selbst ein Youtube-Video aufgenommen hat, in dem er auch diese Stellung bespricht (ab Min. 15:57).
https://youtu.be/qQrQwT2Etuc?si=1mxDcx6zSJN6Qgha&t=957
In dem Video erklärt er uns, dass er Se5 tatsächlich bedacht hatte, aber anders eingeschätzt hatte und gibt uns den Hintergrund seiner Überlegungen. Einerseits zeigt er, weshalb der Bauer auf a2 in vielen Varianten nicht wirklich hängt, andererseits stellt er aber auch die Stellungen (mit ein paar Folgezügen) gegenüber. Sehen wir uns an, wo der Läufer in Zug 22 steht und schauen wir uns dazu im Vergleich an, was für Stellungen nach Se5 oder Dc2 entstehen hätten können, wird nachvollziehbarer, weshalb Ld3 wohl nicht die beste Idee war (sollte er euch an dieser Stelle verloren haben, keine Sorge, hier wird es auch schwerer für mich ... o.o). Er zeigt uns aber auch seine Überlegungen, weshalb er Ld3 gezogen hat (und wo der Fehler in der Überlegung war: Er hat mit einem Zug für seinen Gegner nicht gerechnet).

Während wir uns im Voraus sicher sein konnten, dass Rasmus nicht nur einen billigen Trick mit Ld3 und der Batterie mit der Dame gegen Frederik vorhatte, gibt uns seine Nachbesprechung nun also den Kontext, wie es zu dieser Stellung kam und wie seine Überlegungen dazu aussahen.

GM-Content ist nicht immer das Non-plus-ultra
Eine Gefahr, die bei Nachbesprechungen durch Großmeister selbst besteht, ist, dass so Vieles auf dem Brett für sie ganz klar ist, dass sie bestimmte Themen sehr schnell besprechen oder nicht genügend Kontext für Spieler*innen geben, die noch nicht ganz so weit mit ihrem Schachlevel sind. Da muss man manchmal ein bisschen aufpassen oder gucken, ob es nicht andere Kommentator*innen gibt, die Stellungen in einen leichter verständlichen Kontext bringen.

"Für dein Eröffnungsrepertoire, guck mal, was die GMs da spielen!"
...mein Lieblingstipp, den ich ständig lese und höre. Gucken wir mal, was sonst noch bei der DEM gespielt wurde. In Runde 1 spielte GM Rasmus Svane gegen GM Niclas Huschenbeth in der offenen Meisterklasse und Niclas spielte folgenden zweiten Zug: c5.

https://lichess.org/study/embed/8BBNohMO/vx1hNVn8#4

Als ich in meiner Jugend Damengambit gelernt habe, war eines der ersten Hinweise, die ich bekommen hatte, dass 1. d4 d5, 2. c4 c5 nicht unbedingt Sorgen für Weiß bereiten sollte, weil beispielsweise nach 3. dxc5 dxc4 die Damen sich gegenüberstehen, Weiß 4.Dxd8+ Kxd8 spielen kann und so die Rochade von Schwarz verhindert und sich solide aufbauen kann. Leider ist Anfänger*innenschach nicht Großmeister*innenschach (und auch nicht DWZ 1500 Schach) und niemand zwingt Schwarz zu 3. ...dxc4. Der Partieverlauf von Rasmus und Niclas zeigt euch, wie sinnvolle Züge nach 2. .. c5 in etwa aussehen sollten, 3.dxc5 ist nämlich gar nicht der beste Zug! :D

Tatsächlich wird 2. ... c5 aber so selten gespielt, dass der Zug in der Lichess Masters Database mit 284 Partien einen Anteil von 0% der gespielten Partien bekommt. Das ist wirklich wenig. Unter den Partien haben wir aber auch Partien von GM Magnus Carlsen und GM Hikaru Nakamura. Man sollte es vielleicht doch nicht unterschätzen?

Dankenswerterweise haben wir auch für diese Partie eine Besprechung von Rasmus auf seinem Youtube-Kanal (mal schauen, ob eine Besprechung von Niclas auch noch folgt?). Ab Min 4:07 beginnt der Teil, den ich mit euch ansehen möchte:
https://youtu.be/2klUNf5PyKw?si=e7WHdQsum9ItdJ9R&t=247

Dieses Mal gibt uns Rasmus den Kontext, dass er und Niclas schon öfter gegeneinander gespielt haben (was wenig überraschend ist) und Niclas durch seine Sekundanten-Tätigkeit für Hikaru, der diese Eröffnung immer mal wieder spielt, auch eine indirekte Verbindung zu dieser Eröffnung hat. Rasmus fügt auch hinzu, dass er darauf nicht vorbereitet war und er mit angenommenem Damengambit gerechnet hatte. Sollte Niclas die Eröffnung für den Überraschungseffekt ausgewählt haben, ist ihm diese Überraschung auf jeden Fall gelungen! Ob wir deshalb diese Eröffnung in unser Repertoire für Schwarz aufnehmen sollten, sei mal dahingestellt. Am Endergebnis hat die Eröffnung in diesem Fall nichts für Niclas geändert.

Mehrgewinn ist immer relativ
Wie viel Mehrgewinn ihr durch eine Partiebesprechung habt, liegt immer auch an eurem Schachlevel und -Wissen. Viele Hinweise können für einige komplett irrelevant sein, weil sie dies schon lange wussten, während sie anderen den notwendigen Kontext geben, der dabei hilft, die Partie oder eine bestimmte Stellung noch besser oder überhaupt nachzuvollziehen. Ich für meinen Teil habe viel mehr Spaß an Partien, wenn ich im Nachhinein die wichtigen Stellungen der Partie in einen Kontext gesetzt bekomme, als wenn ich mir nur die Übertragung ansehe und an einigen Stellen einfach für mich allein raten muss, was da wohl der Hintergrund war.

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Für mehr Infos zu den deutschen Meisterschaften, guckt gern bei der Turnierseite vom Schachbund zur DEM 2025 vorbei!