lichess.org
Donate
Schachuhr, Weiß hat noch 9 Stunden 58 Minuten. Schwarz hat noch eine Sekunde.

Martina Gerdts

Zeit während des Schachspiels – Fernschach

Chess variantLichessChess
Man kann Schach in vielen Modi spielen. Auf Lichess finden sich beispielsweise Bullet-, Blitz-, Schnellschach, Standardschach und Fernschach an. Im klassischen Schach am analogen Schachbrett habe ich immer am liebsten Standardschach gespielt, am liebsten mit so viel Zeit wie möglich. Mich hat der Modus 1:30min + 30min + 30sec/Zug am meisten fasziniert, weil man hier einiges an Zeit von vornherein hat und die mögliche Spielzeit mit der Anzahl der Züge noch weiter steigt.

Wenn ich eine Partie zur Analyse vorgelegt bekomme, kann ich häufig bestimmte Taktiken oder Strategien wesentlich besser finden und ansprechen, als wenn ich im Spiel selbst in diese Stellung komme. Ruhe bzw. während der Partie selbst eben Stress und Druck machen einen Teil des Unterschieds aus. Dazu kommt, was wir von Fußballweltmeisterschaften und von der Corona-Pandemie wohl noch ziemlich gut kennen: Wenn man es selbst nicht machen muss, werden viele Menschen schnell zu „Expert*innen“. Stellen wir mein Imposter Syndrom einmal zur Seite und sehen wir uns den Druck während der Partie an.

Stress während der Partie
Während einer Partie kann man sich nicht unendlich lange in eine Stellung reindenken. Langzeitspiele dauern lang genug, dass es sich meist auch nicht unbedingt anbietet, noch mehr Zeit in die Züge zu stecken, da sich Energielevel so eher noch schwieriger hochhalten lassen. Mit einem Zeitlimit auf einer Partie muss man die Züge also in einer limitierten Zeit durchziehen. Dabei geht man im Kopf die möglichen folgenden Züge durch und entscheidet sich nach einer Zeit für einen Zug, mit dem man auf den letzten Zug der Gegner*innen reagiert. Die Uhr zwingt einen indirekt (oder auch mal direkt?) dazu, irgendwann tatsächlich mal einen Zug durchzuführen. Dies kann eine großartige Übung für Spieler*innen sein, die sonst nie zum Punkt kommen würden („Hello, it’s me, I’m the problem, it’s me!“). Aber was ist, wenn man sich diesem Druck nicht aussetzen lassen will? Vielleicht hat man gesundheitliche Einschränkungen oder familiäre/berufliche Aufgaben, wodurch man nicht so lang am Stück am Brett sitzen kann, aber auch mehr Zeit braucht, um tatsächlich mal intensiver in eine Stellung reinzudenken. In diesem Kontext möchte ich über Fernschach sprechen.

Modi für Fernschach
Wer auf Lichess oder einer anderen vergleichbaren Schach-Plattform spielt, kennt die Fernschach-Funktion wahrscheinlich schon. Meist stellt man ein, wie viel Zeit beide Seiten pro Zug Zeit haben. Teilweise gibt es auch eine Gesamtzeit, die man für die Partie hat, wo die Dauer eines Zuges nach jedem Zug von der Gesamtzahl abgezogen wird. Bei der Zeit für Züge sprechen wir von einem Modus mit einem oder mehreren Tagen (oder Wochen!) pro Zug ... oder wir sprechen von einem Modus mit mehreren Monaten (oder länger?) für eine Partie.

Zusätzlich werdet ihr darauf stoßen, dass es auch im Fernschach digitale und analoge Spielvarianten gibt. Einerseits lässt sich Fernschach auf Online-Plattformen spielen, andererseits gibt es Fernschach per Postkarte/Brief. Es gibt auch eine Art Zwischenvariante per E-Mail. Hier werden die Züge etwa wie bei der Postkarte übertragen, aber letztendlich über das Internet.

Habt ihr mal eine Postkarte gesehen, die extra für Fernschach per Postkarte erstellt wurde? Ich liebe Schach-spezifische Drucksachen, aber diese Postkarten kommen nochmal auf ein ganz eigenes Level.

Vorteile vom Fernschach
Spielt man Fernschach, hat man pro Zug also mehr Zeit als in einer klassischen Langzeitpartie. Man hat mehr Möglichkeiten, verschiedene Züge im Kopf durchzugehen. Je nachdem, was für Absprachen getroffen wurden, darf Hilfsmaterial verwendet werden oder nicht. Die zusätzliche Zeit (und bei Möglichkeit auch das zusätzliche Hilfsmaterial) sorgen dafür, dass eine Partie auf einem höheren Niveau gespielt wird als im klassischen Schach. Dies kann man beispielsweise dafür verwenden, Eröffnungen zu perfektionieren. Kein Wunder, dass einige Trainer*innen beim Aufbau eines Eröffnungsrepertoires (für bestimmte Niveaus) auch auf Fernschach-Datenbanken verweisen, da dort die Stellungen oft tiefer durchdacht werden konnten als in klassischen Partien.

Zum Ablauf einer Fernschachpartie – Durchführung
Wenn man Fernschach auf einer Plattform wie Lichess spielt, ist der Unterschied zur Durchführung einer Schnellschachpartie nicht unbedingt groß. Gucken wir uns mal Fernschach per E-Mail oder Postkarte an. Bei E-Mails werden Metadaten mitgeschickt, so dass nachgesehen werden kann, wann eine E-Mail abgeschickt wurde. Bei Postkarten gibt es einen Poststempel (und von der sendenden Person eventuell die Angabe des Datums) und man kann notieren, wann die Postkarte bei einem angekommen ist. Nun braucht man für E-Mails und Postkarten nicht unbedingt eine Liste mit der kompletten Notation der Partie mitschicken. Wenn beide Seiten alle Züge mitschreiben, reicht es, wenn auf der Postkarte selbst nur der eigene Zug (und am besten noch der vorherige Zug der Gegner*innen) zu sehen sind. So kann man besser nachvollziehen, dass kein Zug zwischendurch verloren gegangen ist und man spart sich die komplette Liste von Zügen bei jeder Nachricht mitzuschicken. Züge lassen sich letztendlich auch über jeden anderen Nachrichtendienst mitteilen. Kennt ihr noch die alten Filme, in denen Züge per Telefon durchgegeben wurden? Habt ihr vielleicht auch schonmal Züge per Messenger-App verschickt?

Achtung! Auf die Absprachen achten
Schach-Computer sind stärker denn je. Umso wichtiger ist es, Absprachen zu tätigen, welche Hilfsmittel für die Art von Spiel, die ihr anstrebt, für euch okay sind. Über Absprachen kann man auch bestimmte Startaufstellungen (z.B. aus einer bestimmten Eröffnung heraus) vorgeben. Bitte nicht cheaten!

Probleme mit Zeitmanagement
Wenn ihr Probleme damit habt, schnell genug einen akzeptablen Zug zu finden und zu ziehen, gibt es einerseits die Möglichkeit, einen Spielmodus zu wählen, wo ihr mehr Zeit pro Zug zur Verfügung habt. Andererseits gibt es auch den entgegengesetzten Ansatz: Einen Spielmodus mit weniger Zeit wählen und diesen Modus trainieren, bis Zeitdruck im Langzeitschach nicht mehr so ausschlaggebend ist. Lasst es mich so sagen: Wenn ihr Bullet-Schach trainiert, werdet ihr wahrscheinlich seltener in die Situation kommen, in langsameren Spielen in einer Stellung einzufrieren, weil ihr keinen akzeptablen Zug findet, und dann auf Zeit verlieren. Ob damit das Erkennen von Taktiken und Strategien besser wird, ist da eine andere Frage.
Was ich damit zusammengefasst meine: Ein Ansatz beim Verbessern einer Fähigkeit ist es, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Ein anderer Ansatz ist es, sich auf die Schwächen zu konzentrieren und sich darin zu verbessern.

Wie ist es bei euch? Kommt ihr mit eurer Zeit beim Schachspielen zurecht? Habt ihr schonmal eine Version des Fernschachs getestet? Wie effektiv läuft Bullet-Schach bei euch ab? Schreibt mir gerne eure Antworten!